Home Region Sport Agenda In-/Ausland Magazin
Lifestyle
11.04.2020
09.04.2020 16:17 Uhr

Die Unabhängigkeit völlig dahin

Festgesetzt: «Wir stehen auf einer Farm mit 5800 ha Land. Das ist unser paradiesischer Käfig», sagt Peter Strub. Die Ausgangssperre in Argentinien wurde bis Ostern verlängert. «Wir haben es besser als alle anderen Reisenden getroffen. Wir sind sehr glücklich darüber.»
Was geschieht mit einem, wenn man plötzlich in einem fremden Land die Freiheit verliert? Persönliche Erlebnisse und Reflektionen.

von Peter Strub*

Lange haben wir die Corona- Meldungen nur bedingt ernst genommen, eine Grippe mehr, vielleicht etwas schlimmer als Sars, aber eben eine Grippe, die wieder vorübergeht. Die Medien schiessen sich auf das Thema ein, und die Politiker agieren natürlich so, dass ihren politischen Karrieren nichts geschehen kann. In Südamerika waren wir weit ab vom Schuss und beobachteten die ganze Situation als Unbeteiligte aus der Distanz.

Die Reaktionen der Politik kamen jedoch immer näher, zuerst beschlossen die Mercosur-Staaten, die Grenzen zu schliessen. Wir reagierten darauf gelassen, wollten wir doch erst in etwa drei Wochen von Argentinien nach Uruguay reisen. In der Provinz Mendoza mussten wir unser Visum verlängern, was im Normalfall eine Aktion von etwa einer Stunde und völlig unproblematisch ist.

Diesmal war es plötzlich ein Problem. Nur mit äusserster Mühe konnten wir dabei einer Quarantäne entgehen, da wir bereits drei Monate ununterbrochen in Argentinien waren. Der aufwendige Prozess mit Beamten, die in der Situation überfordert waren, da sie noch viel zu neu war, dauerte zwei Tage.

Wir hatten Glück, wir erhielten eine ausserordentliche Visumsverlängerung. Unser Aufenthalt war somit wieder legalisiert. Unsere Reiseplanung sah vor, dass wir aus der Provinz Mendoza durch die Provinz La Pampa in die Provinz Buenos Aires fahren wollten.

Unerwünschte Personen

Die Nachricht, dass die Provinzgrenzen ebenfalls geschlossen werden, erreichte uns mehr zufällig von einem Strassenpolizisten in La Pampa. Der Polizist hatte den Auftrag, uns von unserem Standplatz in einem kleinen Bauerndorf zu vertreiben, weil die Bevölkerung keine Europäer in ihrem Dorf wünschte.

Es war der erste persönliche Schock. Bis dato wurden wir immer mit viel Gastfreundschaft und Interesse aufgenommen. Wir konnten normalerweise mit der Bevölkerung über ihre Probleme reden und uns gut austauschen. Unter Protest haben wir alles zusammengepackt und sind bis kurz vor Mitternacht bis über die Provinzgrenze nach Buenos Aires gefahren.

Da wir Bekannte in der Provinz Buenos Aires haben, fragten wir sie um Unterkunft an. Wir wurden sofort eingeladen und fuhren den ganzen Tag, damit wir es auf ihre Farm schafften, bevor die Ausgangssperre in Kraft trat. Die zum Teil aggressiven Polizeikontrollen mussten wir über uns ergehen lassen, immerhin konnten wir unser Ziel sicher erreichen.

Unsere Gastgeber sind sehr grosszügig. Auf ihrer Farm können wir in ihrem Garten stehen und an ihrem sozialen Leben teilnehmen. Wir werden zu ihren Essen eingeladen und können fast nichts zurückgeben.

Schmerzvolle Gedanken

Unsere Werte müssen ebenfalls neu sortiert werden. Maslow lässt grüssen, wir stürzen gerade von der obersten auf die unterste Ebene ab. Es geht vielmehr um das Überleben als über die Verwirklichung. Besitztümer sind nur noch wichtig, sofern sie unser Leben sichern.

Was wir heute schon wissen, ist, dass – falls wir in unser altes Leben zurückkehren können – wir daran einiges ändern werden. Interessanterweise fällt uns das sehr viel einfacher, als die Anpassung des Selbstwertgefühls und der Freiheit.

* Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder über die Reisen von Peter Strub und seiner Partnerin aus Schindellegi berichtet.

Ausführlicher Bericht in der Zeitungsausgabe vom Montag, 6. April.

Peter Strub