Home Region Sport Agenda In-/Ausland Magazin
Lifestyle
05.04.2020

Warum Isolation gefährlich werden kann

Plötzlich verbringt man viel Zeit alleine zu Hause. Manchmal scheint einem die Decke auf den Kopf zu fallen – und schlechte Laune macht sich breit. Eine Expertin aus St.Gallen erklärt, was Isolation mit unserer Psyche machen kann.

Vor einem Monat hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass sich unser Leben in den nächsten Wochen so radikal ändern wird: Plötzlich kann man seine Liebsten nicht mehr sehen, eingekauft wird nur noch wenn nötig, und das tobende Leben steht plötzlich still. Seit den Massnahmen des Bundesrats gehören Isolation und Einsamkeit zu unserem Alltag.

Für einige kann diese Zeit mental gefährlich werden. Psychotherapeutin Lena Forrer von der Gravita SRK in St.Gallen erklärt, warum das so ist und wer besonders gefährdet ist.

Lena Forrer, wie beurteilen Sie die jetzige Situation aus psychologischer Sicht?
Die aktuelle Lage hat Auswirkungen auf unser ganzes Leben und daher auch auf unsere mentale Gesundheit. Der Mensch ist ein soziales Wesen, die meisten brauchen die Interaktion mit anderen. Plötzlich hat man aber nicht mehr die gleichen Freiheiten und Möglichkeiten; zusätzlich fallen gewohnte Strukturen und Routinen weg. Das kann Angst (Gesundheitsängste, Ängste um Mitmenschen, Zukunftsängste, finanzielle Ängste etc.), Stress, Stimmungsveränderungen, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Wut, emotionale Erschöpfung, Frustration und Langeweile auslösen. Eine allgemeine Aussage für die Gesellschaft und die psychischen Auswirkungen kann ich aber nicht treffen, denn jeder geht anders damit um.

Für welchen Typ Mensch ist es denn besonders schwierig?
Ich denke da an unterschiedliche Menschen. Es kann beispielsweise besonders schwierig sein für solche, die bereits vorher an psychischen Problemen litten. Isolation, reduzierter Zugang zu sozialen Angeboten oder zur Gesundheitsversorgung und Ängste können zu vermehrt negativen Gedanken führen und beispielsweise depressive Symptome verstärken oder begünstigen. Sozial Benachteiligte wie Obdachlose oder Migranten, die unter suboptimalen Bedingungen leben, erachte ich auch als gefährdeter. Ich denke aber auch an Leute in Heimen, die keine Besuche mehr empfangen oder tätigen dürfen, und an Menschen, die nicht mehr in gleicher Weise unterstützen können oder im schlimmsten Falle ihre Liebsten alleine sterben lassen müssen.

Aber auch für Familien stelle ich es mir nicht einfach vor. So übernehmen Eltern nun zusätzlich eine Rolle als Lehrer, Heilpädagogen, Sozialarbeiter etc. Gleichzeitig sind sie aber auch noch Arbeiter.

Wie stehen Sie zur Ausgangssperre?
Eine Ausgangssperre könnte unter Anderem bedeuten, dass Menschen, die häusliche Gewalt erleben, keinen Fluchtort mehr haben, dass sie für die meiste Zeit des Tages im gewalttätigen Umfeld bleiben müssen. Kinder und Jugendliche haben einiges weniger an Bewegungsmöglichkeiten, dies kann zu Energie führen, die nicht ausgelebt werden kann, was wiederum zu Reizbarkeit, Frust und Wut führen kann. Wahrscheinlich könnten die meisten von uns auch eine Ausgangssperre überstehen, denn wir wissen, wofür sie gut ist. Trotzdem muss man auch an die Schwächeren in der Gesellschaft denken. Es wäre ein noch tieferer Einschnitt in unser gewohntes Leben. Ich hoffe, dass es nicht dazu kommen muss!

Lena Forrer ist Psychologin/ Psychotherapeutin bei der Gravita SRK im Zentrum für Psychotraumatologie.

Sie arbeiten mit Flüchtlingen und Asylsuchenden zusammen. Wie ist die Lage dort?
Die Situation ist schwierig. Plötzlich fällt die Tagesstruktur weg und soziale Projekte können nicht verwirklicht werden. Auch Deutschkurse können nicht mehr stattfinden. Zudem ist es schwierig, in Asylunterkünften Social Distancing und gewisse Hygienestandards einzuhalten. Es leben ganze Familien auf engstem Raum zusammen.

Einige der Menschen haben in ihrer Vergangenheit traumatische Erfahrungen gemacht, währendem sie eingesperrt wurden. Die aktuelle Situation kann Erinnerungen und damit assoziierte Gefühle hervorrufen. Es braucht mehr Unterstützung und Beachtung in diesem Bereich. Viele bieten Hilfe für ältere Menschen an - was auch absolut richtig ist -, aber auch Asylsuchende oder Obdachlose sind auf Hilfe angewiesen. Da ist scheint die Solidarität seitens der Bevölkerung leider kleiner.

Was kann man gegen negative Gedanken tun?
Grundsätzlich denke ich, dass es in der aktuellen Situation zu einem grossen Teil normal ist, dass man sich mehr Gedanken als sonst macht und mehr Ängste hat. Bei negativen Gedanken kann es helfen, sich abzulenken - zum Beispiel, indem man sich bewusst macht, für was man dankbar ist, was einem gut tut, aber auch Kreuzworträtsel lösen, frische Luft, Sport, Filme schauen etc. können helfen. Auch mit jemandem über seine Gedanken und Gefühle zu sprechen, kann sehr erleichternd wirken.

Und was, wenn man merkt, dass es in Richtung Depression geht?
Dann sollte man sich Hilfe holen! Es gibt viele Hotlines und Beratungsstellen, die auch in dieser Zeit geöffnet haben. Reden hilft sehr und es ist mehr als in Ordnung, sich helfen zu lassen. Für uns alle ist diese Situation neu.

 

Der neue Telefonkontakt-Dienst des Schweizerischen Roten Kreuz ist über die Telefon-Nummer 071 227 99 66 von Montag bis Freitag 8:30 bis 11:00 Uhr erreichbar. Weitere Informationen unter www.srk-sg.ch.

Miryam Koc, St Gallen 24