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Sport
30.07.2021

Mit Runterfahren und Entspannung vor K.o.-Phase

Für Tanja Hüberli und Nina Betschart lief bisher noch nicht ganz alles nach Wunsch. Trotzdem sind sie für die K.o.-Phase, die sie als Gruppenerste erreicht haben, guten Mutes.
Für Tanja Hüberli und Nina Betschart lief bisher noch nicht ganz alles nach Wunsch. Trotzdem sind sie für die K.o.-Phase, die sie als Gruppenerste erreicht haben, guten Mutes. Bild: Andreas Eisenring
Ab Sonntag kommt das olympische Beachvolleyballturnier in Tokio in die heisse Phase. Die Reichenburgerin Tanja Hüberli (28) und die Zugerin Nina Betschart (25) müssen sich aber noch steigern, wollen sie die Hürde Achtelfinal überwinden. Ein Hotel-Aufenthalt soll dabei helfen.

Das erste grosse Etappenziel ist geschafft: Gruppensieg, Einzug unter die besten 16 Teams. Und jetzt die Hoffnung, dass nach zwei hart umkämpften Partien mit einer Steigerung der nächste Schritt möglich wird.

Zuerst aber herrscht für Tanja Hüberli und Nina Betschart so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm, denn zwischen dem letzten Spiel am Mittwoch und dem Achtelfinal (Auslosung am Samstagabend) liegen drei, vielleicht sogar vier spielfreie Tage.

Runterfahren vor der K.o.-Phase

Und so kann sich Tanja Hüberli gestern über einen freien Tag freuen. Kein Spiel, kein Training, keine Verpflichtungen. Höchstens sich wieder mal intensiv um die Fingernägel kümmern. Und endlich mal Zeit für die Liebsten zu Hause. «Wir sind ja fast drei Wochen da und es ist wichtig, dass man zwischendurch mal runterfahren und Abstand nehmen kann von allem», sagt Hüberli. Dazu trägt bei, dass die beiden von einem speziellen Arrangement profitieren können: Sie durften für zwei Tage in einem Hotel einchecken. Dieser zwischenzeitliche Auszug aus dem Olympic Village ist ein willkommener Tapetenwechsel. Die Märchlerin schätzt das sehr: «Einfach mal im Pyjama rumhängen oder ein Buch lesen. Ich bin sehr froh, dass uns das dank Swiss Olympic und Swiss Volley ermöglicht wurde.»

Dies ist einer von vielen Mosaiksteinen, um für eine optimale Betreuung vor Ort zu sorgen. Angesichts der langen Einsatzdauer – erstreckt sich doch das Beachturnier im Gegensatz zu vielen anderen Wettkämpfen über die ganze Zeit der Spiele – ist es eine willkommene Abwechslung in der Blase.

Zwar können nicht alle wichtigen Bezugspersonen aus dem Team-Umfeld in Tokio anwesend sein. Aber auch so ist Hilfe aus der Ferne möglich, falls nötig, wie etwa durch Lothar Linz, den Mentalcoach von Hüberli/Betschart.

Entspannt auftrumpfen?

Bei ihren zwei knappen Siegen haben sich die beiden  Zentralschweizerinnen als wahre Entfesselungskünstlerinnen erwiesen. «Das Wichtigste, wenn es nicht läuft, ist, zusammenzustehen», meint Hüberli. «Man kann zwar schon etwas hässig sein auf sich selbst, wenn man nicht gut spielt, aber man muss den Kampf dann annehmen.»

Noch nicht so zufrieden ist Hüberli und Betscharts Trainer Christoph Dieckmann. «Wir waren in beiden Spielen ein ganzes Stück weit weg von unserem besten Niveau. Aber meine Spielerinnen haben sicher gut zusammengehalten. Ab jetzt gewinnt man mit so einer Leistung aber nicht mehr.»

Und dennoch, bis jetzt haben die beiden trotz spezieller Konstellationen geliefert. Zum ersten Mal an Olympischen Spielen dabei, was trotz aller (mentaler) Vorbereitung immer wieder ein spezieller Moment ist, der das gewohnte Spiel hemmen kann. Trotz nervösen Starts gelingt der so wichtige Auftaktsieg gegen Olympiasiegerin Laura Ludwig (Rio 2016). Dann fällt das zweite Spiel, das zur Rhythmusfindung gut gewesen wäre, coronabedingt aus. Und gegen Japan mussten sie dann mit dem Druck des Gewinnenmüssens umgehen.

Der Schlüssel ist der Service

Jetzt beginnt sozusagen Turnier zwei. Für die Märchlerin und ihre Partnerin gibt es noch einige Luft nach oben. Tanja Hüberli kennt den Schlüssel, der alles leichter machen würde. «Unser grösstes Manko bisher war der Service. Da haben wir viel zu viele Fehler gemacht, weshalb wir nicht unser gewohnt gutes Block-Defense-System aufbauen konnten. Dafür war unser Sideout-Spiel gut, was uns gerettet hat. Wir hoffen, jetzt unser wirkliches Spiel zeigen zu können.» Alte Beachvolleyball-Weisheit also: Ohne Servicedruck hat es der Gegner immer leichter. In der Vorrunde wirkte so manche Aktion noch ein bisschen angespannt, zuweilen verkrampft. Wenn es gelingt, die Handbremse zu lösen und befreit aufzuspielen, dann ist ein Exploit möglich.

Dazu passt bestens, was sich Tanja Hüberli für Phase zwei des Olympiaturniers wünscht. «Ab jetzt heisst es verlieren verboten. Wir werden alles dreingeben und wollen nochmals einen drauf legen. Und ich wünsche mir, dass wir im Spiel noch mehr Spass haben werden und es auch geniessen können.»

Geduld und mentale Stärke haben die beiden bereits gezeigt. Wenn jetzt noch eine Prise an spielerischer Leichtigkeit hinzu kommt, können Hüberli/Betschart allen gefährlich werden. Die moralische Unterstützung aus der Heimat ist den beiden auch beim nächsten Spiel gewiss. Die engeren Familienangehörigen, auch Freund Ramon Zenhäusern, werden erneut gebannt vor dem Fernseher sitzen – auch wenn das in der Schweiz wieder tief in der Nacht sein sollte.

Andreas Eisenring, March24 und Höfe24