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Lifestyle
26.08.2020
11.09.2020 12:55 Uhr

Kolumne: Der lange Weg des Gletscherwassers

Der Klimawandel macht den Gletschern zu schaffen und sorgt für viel Schmelzwasser. (Bild: Keystone)
Der Klimawandel macht den Gletschern zu schaffen und sorgt für viel Schmelzwasser. (Bild: Keystone) Bild: Keystone
March24- & Höfe24-Redaktorin Heidi Peruzzo über Gletscherschmelze und schlechtes Konsumverhalten.

von Heidi Peruzzo

Auf dem Weg zum Gletscher­rand sehe ich zwei alte, verrostete Eisenleitern, welche verbeult auf nacktem Fels liegen. Als wir weiter oben die Steigeisen montieren, erklärt mir ein älterer Alpinist, dass sich da früher das gefürchtete «Eiswändli» befunden habe, welches mit Hilfe von Leitern bezwungen wurde.

Es ist jedes Mal ein erhabenes Gefühl, die Gletscherwelt betreten zu dürfen. Ich schaue nochmals zurück zum brachliegenden Eisenschrott weit unter uns. Wie lange es wohl her sein mag, als die Leitern noch über die Gletscherspalten des «ewigen Eises» führten? 20, 30 oder sogar 50 Jahre? Wie lange es wohl noch geht, bis an der Stelle, wo ich gerade stehe, ebenfalls nackter Fels ist?

Wir überqueren immer mehr Wasserrinnen, die jahrtausendaltes, in Eis gebundenes Wasser zu Tale befördern. Mit zunehmender Sonneneinstrahlung werden daraus veritable Bäche. Plötzlich kann ich die Leute verstehen, welche Sommer für Sommer Gletscher mit Vlies einpacken, um diese vor dem Abschmelzen zu bewahren.

In den Regalen des Warenhauses Manor lässt sich ein Tafelwasser aus Gletschereis kaufen, welches sich «Berg» nennt. Das Luxuswasser stammt vom Eis grönländisch-kanadischer Gletscher. Im Meer um Neufundland werden treibende Eisblöcke eingesammelt, per Schiff an Land gebracht und dann auf der Strasse nach Mount Pearl in die Abfüllanlage transportiert. Anschliessend weiter per Fähre und Lastwagen zum Hafen Halifax, von wo das Wasser per Schiff nach Antwerpen und via Bordeaux per Camion in die Schweiz gelangt. Angesichts der Gletscherschmelze und der abschmelzenden Polarkappen scheint mir die Herkunft dieses Wassers besonders zynisch. Ich frage mich, was es noch braucht, bis dieses verrückte Konsumverhalten uns eines Tages auch bachab führen wird.

Heidi Peruzzo, March24 & Höfe24