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20.11.2022
15.11.2022 15:12 Uhr

Ira und Vlad blicken in eine unsichere Zukunft

Vlad und Ira sind für unbestimmte Zeit auf dem Riedenholzhof zuhause, während in der ukrainischen Heimat gegen die russischen Angreifer gekämpft wird.
Vlad und Ira sind für unbestimmte Zeit auf dem Riedenholzhof zuhause, während in der ukrainischen Heimat gegen die russischen Angreifer gekämpft wird. Bild: Renate Hodel
Die Geschwister Ira und Vlad weilen für unbestimmte Zeit in der Schweiz – solange in der ukrainischen Heimat der Krieg tobt, ist kaum an eine Rückkehr zu denken. Auf dem Riedenholzhof in Zürich haben die beiden bei Küchlers ein temporäres Zuhause gefunden.

Ira und Vlad kommen aus Novopetrivka, einem Dorf in der Oblast Mykolajiw im Süden der Ukraine, rund 60 Kilometer von der Stadt Cherson entfernt, die von Russland illegal annektiert wurde (Anm. der Redaktion: Die russischen Truppen zogen nach Verfassen des Artikels aus der Stadt Cherson ab). Mutter und Vater sowie viele Freunde sind noch dort und sind fast täglich mit Bombardierungen konfrontiert. «Es wird fast jeden Tag geschossen und unsere Familie muss immer wieder Schutz im Keller suchen», erzählt Vlad. Ira und Vlad telefonieren möglichst jeden Tag mit ihren Eltern und müssen sich jeden Tag von neuem mit der Situation auseinandersetzen, dass zuhause das schlimmste passiert sein könnte. Während die beiden am Küchentisch auf dem Riedenholzhof in Zürich sitzen, lässt sich nur erahnen, wie schwierig es für die beiden tatsächlich ist.

Finanzielle Unterstützung aus der Ferne

Vlad kam im September 2021 über Agrimpuls für ein vierzehnmonatiges Landwirtschaftspraktikum in die Schweiz. Er möchte in seinem Heimatland später einmal in der Landwirtschaft arbeiten. «Er hat meinen Mann Sepp schon manchen Abend gelöchert und mit ihm angeregt über Grassamenmischungen und Bodenzusammensetzung diskutiert», erzählt Sonja Küchler vom Riedenholzhof. Nach dem russischen Überfall letzten Februar war Vlad allerdings drauf und dran, seine Sachen zu packen und zurück in die Ukraine zu reisen, um sich der ukrainischen Armee anzuschliessen und gegen das russische Militär zu kämpfen.

Die Betriebsleiterfamilie vom Riedenholzhof rund um Sonja und Sepp Küchler konnten ihn schliesslich überzeugen, in der Schweiz zu bleiben und seiner Familie zu helfen, indem er ihr Geld schickt. «Wir haben Vlad kurzerhand auch anerboten, seiner Schwester das Gastrecht zu gewähren, damit er sie in die Schweiz holen konnte», erklärt Sonja. Denn als der russische Angriffskrieg begann, studierte Ira noch Wirtschaft in Kiew. Sie flüchtete dann nach Polen, von wo aus ihr Vlad schliesslich einen Flug in die Schweiz organisiert hat.

Behördliche Hürden

Während der Aufenthalt von Vlad aber über Agrimpuls schon Monate vorher geregelt und nach geltendem Arbeitsrecht und Ausländerregelung aufgegleist wurde, gestaltete sich die Situation rund um Ira undurchsichtiger: «Wir beschäftigen neben Vlad noch einen weiteren Praktikanten und von daher waren der Bedarf und die finanziellen Mittel, die wir in diesem Bereich aufbringen können, schon ausgereizt», erklärt Sonja Küchler.

Angst vor Sanktionen

Die junge Frau einfach auf dem Hof wohnen zu lassen und sie ein bisschen im Haushalt mithelfen lassen, war aber auch keine Option – aus Angst vor möglichen Sanktionen. «Als Landwirtschaftsbetrieb werden wir nicht gleich behandelt wie Private, die in ebendiesen Zeiten auch Geflüchtete aufgenommen haben und die in den Haushalten ihrer Gastfamilien sicher auch ab und zu aushelfen», führt die Bäuerin aus. Auf dem Betrieb werde regelmässig kontrolliert, ob die arbeitsrechtlichen Gesetze eingehalten würden. «Wenn eine Kontrollperson bei einem solchen Besuch Ira beim Erdbeerpflücken angetroffen hätte und wir keine eingeholte Arbeitsbewilligung hätten vorlegen können, hätte man uns womöglich Schwarzarbeit oder gar Ausbeutung vorgeworfen und uns mit einer hohen Busse belegt», schildert Sonja Küchler.

Als Landdienstlerin im Einsatz

Entsprechend hätten sie sich um eine geregelte Situation bemüht und diese temporär in Form eines Agriviva-Einsatzes gefunden. Bis dahin war es aber ein holpriger Weg: Als Ira im Mai auf den Riedenholzhof kam, bemühte sich Sonja Küchler sofort darum, für sie den Schutzstatus «S» zu beantragen. «Schon die Anmeldung und die Registration waren aber kompliziert und in Zürich war alles ausgebucht», erzählt die Bäuerin und ergänzt: «Zum Glück kennen wir ein pensioniertes Ehepaar, das mit Ira nach Basel gefahren ist, um die Anmeldung zu machen und uns somit enorm entlastet hat.» Allerdings habe es dann bis Juli gedauert, bis sie den entsprechenden Ausweis und alle Dokumente endlich bekommen hätten und Ira schliesslich den zweimonatigen Agriviva-Einsatz beginnen konnte. «Wenn Ira mir vorher jeweils etwas half, war es immer sehr schwierig abzuschätzen, ob wir dabei mit dem Gesetz in Konflikt kommen oder nicht», erläutert Sonja Küchler. Die geregelten Abmachungen im Rahmen des Agriviva-Einsatzes habe genau diese Grauzone abgedeckt: «Sie wohnt bei uns, hilft aber auch etwas mit und kriegt dafür neben Kost und Logis ein kleines Sackgeld.»

Ukrainische Küche auf dem Riedenholzhof

Tatsächlich ist Ira die erste «Landdienstlerin» aus der Ukraine, die einen solchen Einsatz absolvierte, nachdem das zuständige Amt des Kantons Zürich die Bewilligung erteilt hat. «Ich habe vor allem im Garten, in der Küche und im Hofladen ausgeholfen», erklärt die junge Frau. Und Ira hat auf dem Riedenholzhof auch die ukrainische Küche eingeführt – sehr zur Freude ihres Bruders. «Was nun nach dem Einsatz kommt, wissen wir allerdings nicht» sagt Sonja Küchler und bedauert, dass der Agriviva-Einsatz nach maximal acht Wochen nicht verlängert werden kann: «So wäre sie automatisch unfallversichert und wir wären arbeitsrechtlich abgesichert.»

Ira selbst möchte über den Agriviva-Stage hinaus auf dem Riedenholzhof bei ihrem Bruder bleiben. «Die Frage ist allerdings nicht, was ich will, sondern was überhaupt möglich ist», sagt sie. Damit sie mehr Perspektiven hat, könnte Sonja Küchler sich vorstellen, dass Ira vielleicht noch einen Deutschkurs besucht. «Zu Beginn mussten wir noch auf Übersetzungsprogramme zurückgreifen, mittlerweile versteht sie aber schon ganz gut Deutsch», schmunzelt Sonja.

Arbeitskontingent ist beschränkt

Vlad hat in der Zwischenzeit das Rösschenspiel rund um die Beantragung des Schutzstatus «S» auch hinter sich. «Auch hier erlebten wir mit den Ämtern ein bisschen einen Bürokrieg – wir wurden ständig weiterverwiesen und uns wurde gesagt, dass Vlad den Schutzstaus ‹S› erst beantragen könne, wenn das Praktikum vollständig abgelaufen sei», schildert Sonja Küchler. Agrimpuls habe sich schliesslich helfend eingeschaltet, damit die Beantragung noch vor Praktikumsende aufgegleist werden konnte und Küchlers damit eine Arbeitsbewilligung beantragen konnten, um Vlad auch weiter beschäftigen zu können. Anstatt einen neuen Praktikanten einzustellen, behalten ihn Küchlers als landwirtschaftliche Arbeitskraft auf dem Hof. Auch Ira kann mit dem Schutzstatus «S» in der Schweiz arbeiten, auf dem Hof können sie Küchlers nach dem Agriviva-Stage allerdings nicht mehr anstellen. «Für die Arbeit in Haus und Garten können wir uns das auch zum Minimallohn von 3’320 Franken nicht leisten», erklärt Sonja Küchler.

Unsichere Zeiten

Trotzdem darf auch Ira weiter auf das Gastrecht bei Küchlers zählen: «Ira kann sicher hier wohnen bleiben, wir müssen einfach die arbeitsrechtliche Situation im Auge behalten und dafür eine Lösung finden», sagt Sonja Küchler. Und dass seine Schwester bleiben kann, ist natürlich auch für Vlad eine enorme Erleichterung. «Für mich ist wichtig, dass Ira hierbleiben kann – ob und wo sie allenfalls arbeiten kann, sind Probleme, die wir Schritt für Schritt lösen», meint er und ergänzt: «Wenn wir weiter zwischendurch ukrainisch essen können, fühlt es sich ausserdem ein ganz wenig an wie zuhause.»

Belastende Situation 

Trotzdem bleibt die Situation unsicher und sehr belastend – sowohl für Ira und Vlad als auch für Küchlers. «Wir bekommen wenig mit, was bei ihnen zu Hause läuft und wollen sie auch nicht immer daran erinnern», erzählt Sonja. Oft sei aber an ihrer Stimmung abzulesen, ob die Situation gerade besonders angespannt sei oder nicht. «Das Schlimmste ist, dass wir nicht wissen, wann wir wieder zurückkönnen», ergänzt Ira. Gleichzeitig sei es müssig, über Perspektiven nach dem Krieg zu diskutieren, meint Vlad: «Nach dem Krieg wird in unserer Heimat wohl sowieso alles anders sein.»

Renate Hodel/March24&Höfe24