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Reichenburg
29.11.2021

«Heute sehe ich meinen Unfall wie einen Sechser im Lotto»

Unfallort Reichenburg: Martin Müller zeigt auf die Stelle, an welcher vor knapp drei Jahren ein schwerer Verkehrsunfall sein ganzes Leben über den Haufen warf. Trotzdem bleibt er gefasst: «Es kommen keine unguten Gefühle hoch.»
Unfallort Reichenburg: Martin Müller zeigt auf die Stelle, an welcher vor knapp drei Jahren ein schwerer Verkehrsunfall sein ganzes Leben über den Haufen warf. Trotzdem bleibt er gefasst: «Es kommen keine unguten Gefühle hoch.» Bild: Silvia Gisler
Vor drei Jahren wurde der gebürtige Höfner Martin Müller Opfer eines schweren Verkehrsunfalls. Obwohl er nie wieder schmerzfrei leben wird, gewinnt er dem Unfall heute sehr viel Positives ab.

Es ist der 13. Dezember 2018. Martin Müller feierte zwei Tage zuvor seinen 55. Geburtstag. Diesen wollte er an jenem Abend mit einer Kollegin begiessen. Dass es nicht mehr dazu kommen wird, ahnt er nicht, als er morgens beim Znüni in der Café-Bar in Bilten sitzt. Um 9.15 Uhr bezahlt der Angestellte des kantonalen Tiefbauamts Glarus sein Frühstück, um dann entlang der Autobahn Abfall einsammeln zu gehen. Es wird die letzte Erinnerung sein, die er an jenen Tag haben wird.

Martin Müller fährt mit dem Lieferwagen nach Reichenburg. Aus Erzählungen weiss er, dass er den Weg via Hauptstrasse und Autobahnzubringer wählte. Dort fährt gegen 9.30 Uhr auch die 58-jährige Reichenburgerin in einem VW Golf. Sie will von der Autobahn her kommend in die Speerstrasse einbiegen. Die tiefstehende Sonne blendet sie und verhindert, dass sie den entgegenkommenden Lieferwagen von Martin Müller sieht. Die beiden Fahrzeuge kollidieren heftig. Das Kantonsfahrzeug wird dabei ins angrenzende Wiesland geschleudert. Beide Fahrzeuglenker werden schwer verletzt. Für Martin Müller beginnt der Kampf ums Überleben.

Müllers demolierter Lieferwagen am Unfallort in Reichenburg. Bild: Silvia Gisler

Sein Leben hing während Stunden am seidenen Faden

«Ich habe beim Unfall sechs Rippen, den linken Oberschenkel, das linke Schulterblatt und einen Wirbel gebrochen. Viele Sehnen sind gerissen, die linke Lunge kollabiert. Zudem erlitt ich ein Schleudertrauma und Wunden am Kopf», erzählt der heute 58-Jährige gefasst. «Laut Ärzten drohte ich, innerlich zu verbluten.» Keine Frage: Das Leben des Höfners hing während Stunden am seidenen Faden. Keine einfache Situation für die Angehörigen. «Meine Exfrau rief unseren Sohn an und erklärte dem damals 17-Jährigen, dass sein Vater die nächsten Stunden womöglich nicht überleben werde und er schnellstmöglich von seinem Trainingsaufenthalt in Österreich heimkehren soll.» Im Laufe des Nachmittags besserte sich der Gesundheitszustand. Über den Berg war Müller aber erst spät nachts. Bis dahin bangten sein Sohn und seine Exfrau um sein Leben.

«Wenn jemand schuld hat, dann der Kanton. »
Martin Müller, Unfallopfer vom 13. Dezember 2018

Keine Wut gegenüber der Unfallverursacherin

Martin Müller hegt keinen Groll gegenüber der Unfallverursacherin. «Ein solcher Unfall kann jedem passieren. Ich habe selber schon oft Glück gehabt», gibt er zu. Wenn jemand schuld habe, dann der Kanton, der sich wegen des Geldes immer dagegen sträubte, die Netzhierarchie an dieser Stelle neu zu regeln und eine Lösung für den Unfallknotenpunkt zu finden. Es müsse immer zuerst etwas Schlimmes passieren, bis gehandelt werde. Dies sei schon beim tödlichen Unfall eines Mädchens auf dieser Strasse so gewesen.«Damals habe ich nachher die Tempo-60-Tafel montiert.» Die Unfallstelle selbst löst bei ihm keine Gefühle aus. Irgendwie nachvollziehbar. Denn an den Unfall, die Bergung, den Flug mit der Rega und die Zeit im Spital erinnert sich Müller nicht. «Es heisst, ich hätte mit dem Rega-Arzt gesprochen, ihm meinen Namen genannt. Davon weiss ich nichts mehr.» Erste verschwommene Erinnerungen hat er erst wieder an den 16. Dezember. Also den dritten Tag nach dem Unfall. Und erst vom 24. Dezember weg habe er keine Gedächtnislücken mehr.

«Ich werde nie wieder 100 Prozent arbeiten können.»
Martin Müller, Schulbusfahrer in Näfels

Der 12. Dezember 2018 kommt nie wieder

Rund zweieinhalb Jahre dauerte es, bis der frühere Langläufer wieder auf die Beine kam. «Wenn man bedenkt, was ich erlebt habe, geht es mir eigentlich blendend», sagt Müller. Und dies, obwohl sein linkes Bein seit dem Unfall zwei Zentimeter kürzer und in der Bewegung beeinträchtigt ist. Auch die Lunge ist noch nicht wieder genesen und die Schulter spürt er ebenfalls regelmässig. Der 58-Jährige weiss: «Der 12. Dezember kommt nie wieder. Aber ich lebe und seit der Reha weiss ich, dass es andere noch viel härter getroffen hat als mich.» Kaum zu glauben, aber tatsächlich betont Müller auch immer wieder, dass er froh sei, dass der Unfall passiert ist. Dass er für ihn im Nachhinein wie ein «Sechser im Lotto» erscheint. Vor dem Unfall hatte Müller zehn Jahre lang beim Tiefbauamt und somit auch auf der Autobahn gearbeitet. In dieser Zeit, aber auch zuvor hat er viele schwere Unfälle gesehen, Fahrzeuge abschleppen und bei Bergungen helfen müssen. «Ich habe vor dem Unfall nur noch funktioniert und immer auf andere geachtet», erzählt Müller. Deshalb hatte er im November 2018 als einer von vielen die Kündigung eingereicht. «Der Unfall hat mir gezeigt, dass es definitiv an der Zeit ist, für mich zu leben und nicht für andere.»

«Man muss nur aufstehen und weitergehen. »
Martin Müller 58-jährig, aufgewachsen in Wilen

Gefühl der Bevormundung macht sich breit

Seit Mitte August ist der Höfner in einem 40-Prozent-Pensum tätig, fährt den Schulbus. Wenn es sein Körper zulässt, würde er dereinst gerne 50 bis 60 Prozent arbeiten. Ob dies klappen wird, weiss er nicht. Denn die grössten Sorgen bereiten ihm – abgesehen von den Schmerzen – die kräftezehrenden Diskussionen mit Versicherungen und IV. Aber er bleibt positiv und weiss, dass man immer wieder zum Glück finden wird. «Man muss nur aufstehen und weitergehen.» 

Silvia Gisler, Redaktion March24 & Höfe24