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Sport
27.11.2021
25.11.2021 16:26 Uhr

Die Karriere ist vorbei, seine Mission geht weiter

Der Ex-Radprofi mit Diabetes.
Der Ex-Radprofi mit Diabetes. Bild: Team Novo Nordisk
Oliver Behringer hätte weiter als Profi im Team Novo Nordisk mitfahren können. Doch der 25-jährige Stäfner wird bald mehr im Spital als auf dem Velo anzutreffen sein.

Fünf Jahre lang ist er fest im Sattel gesessen. Nun aber sitzt Oliver Behringer in der Lycka Coffeebar in Meilen und blickt zurück, auf «eine überaus erfahrungsreiche Zeit» und seinen «erfüllten Traum». Denn seine Karriere verlief anders als andere, so wie der Stäfner anders und doch gleich wie jeder Mensch ist. Seit seinem elften Lebensjahr hat er Diabetes, Typ 1. Der Betroffene spricht nicht gerne von einer Krankheit, bezeichnet sie inzwischen vielmehr als Begleiterscheinung.

An den Alltag mit ihr musste sich Behringer gewöhnen, bedeutete sein Diabetes in der Jugend doch oft eine psychische Belastung. Doch mittlerweile ist eben alles anders. Vieles hat der 25-Jährige dem Sport zu verdanken und zufälligen Begegnungen, die ihm Türen öffneten. Zum Radsport, «einer Lebensschule in extrem kompetitiven Umfeld, in dem man brutal an seinen Leistungen gemessen wird.» Dass aus ihm ein Profi werden würde, hätte er sich als Teenager nie erträumt. Sein sportlicher Werdegang soll Ansporn sein für Gleichgesinnte, die mit Insulinpumpen, -pens und Nahrungstabellen durchs Leben gehen müssen. Behringer will ihnen aufzeigen: «Diabetiker können dank der heutigen Möglichkeiten kaum mehr Einschränkungen haben und alles erreichen – wenn sie wollen.» Das ist ihm ein grosses Anliegen.

In Atlanta zum Profi gereift

Angefangen hat sein Aufstieg mit dem Umstieg vom Trialbike auf ein Strassenvelo sowie dem Beitritt in den VC Meilen. Der Rechtsufrige schloss sich zudem dem Nachwuchs des Wetziker Radteams Gadola an, mit dem er erste Rennen auf nationaler Ebene bestritt. An der Tour de Suisse 2011 traf er den Verantwortlichen des damaligen Team Type 1, dem Vorgänger des heutigen Teams Novo Nordisk. «So nahm alles seinen Lauf.» Parallel zu seiner Ausbildung zum Pflegefachmann trainierte Behringer intensiv, schliesslich wurde er 2016 in ein Trainingscamp von Novo Nordisk eingeladen. Der von der gleichnamigen im Gesundheitswesen tätigen Firma gesponserte US-amerikanische Rennstall, in dem lediglich Typ-1-Diabetiker fahren, nahm ihn in seine Jugend- Equipe auf. Von 2017 bis 2019 lebte der inzwischen in Rüti wohnhafte Seebub am Stützpunkt in Atlanta. «Das war ein einmaliges Erlebnis, das mich reifer gemacht hat», schildert er.

Am Ende der Fahnenstange angelangt

Ab 2019 war Behringer dann einer von 17 Profi-Fahrern des Teams Novo Nordisk. Als «normales Protour-Team ohne besonderen Status», beschreibt er dieses. «Es orientiert sich an Athleten, die kein Diabetes haben.» Und die Equipe kann mithalten, auch dank modernster Hilfsmittel. Im Sommer hiess es, sein Vertrag mit Novo Nordisk laufe weiter. Doch mittlerweile hat sich Behringer zum Rücktritt entschieden. Er wurde das Gefühl nicht los, am Ende der Fahnenstange angelangt zu sein. «Mich in diesem Umfeld nicht mehr nach meinen Vorstellungen weiterentwickeln zu können», präzisiert er. Leichter Frust sei während Trainingsfahrten aufgekommen. Deshalb war für ihn klar: «Nochmals zu unterschreiben, nur um sagen zu können, ein weiteres Jahr Radprofi gewesen zu sein – das ist es nicht.»

Vom Sattel in den Spital

Keine Sekunde und keinen Schweisstropfen im Sattel bereut er. «Wie könnte ich auch?» Der Abschied vom Leben als Radprofi fällt ihm darum keinesfalls leicht. Doch die Aussicht auf das, was kommt, lässt ihn nicht in ein Loch fallen. Oliver Behringer kehrt in seinen ursprünglich erlernten Beruf zurück. Ab Dezember arbeitet der Pflegefachmann im Spital Wetzikon auf der Chirurgie.

Behringer kann jedenfalls nicht abstreiten, etwas zurückgeben zu wollen, für alles, was er während seiner Profi-Karriere erhalten hat. Beispielsweise, indem er an Info-Anlässen andere Diabetiker dazu ermutigt, an sich zu glauben und die eigenen Träume zu verwirklichen. «Changing Diabetes», die Mission des Teams Novo Nordisk, aufzuzeigen, was mit Diabetes heute alles möglich ist, lässt ihn nicht los.

Mit klarer Botschaft unterwegs

Auch im Radsport ist Behringer längst noch nicht am Ziel angelangt, auch wenn seine Karriere nun Geschichte ist. Sein Velo hat er zwar für einige Wochen in die Ecke gestellt, doch nun verspürt er wieder Lust auf kleinere Ausfahrten. Und Rennen? Er lässt es offen. «Vielleicht im nächsten Frühling. » Da Behringer nun mehr daheim ist, steht ihm auch mehr Zeit für sein im vergangenen Jahr angetretenes Amt als Präsident des VC Meilen zur Verfügung. «Die Nachwuchsarbeit stärken und so den Verein weiterbringen», will er. Und aus eigener Erfahrung kann er ihnen allen seine Botschaft mit auf den Weg geben: «Wer an seine Träume glaubt und unermüdlich daran arbeitet, kann sie erreichen. Alle Sportlerinnen und Sportler, ob mit oder ohne Diabetes, haben Hindernisse zu überwinden.

Dominic Duss, Zürichsee-Zeitung/Redaktion March24 & Höfe24