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Sport
09.09.2021
10.09.2021 09:41 Uhr

Joe Broder: Chef, Mechaniker und Vaterfigur

Bild: Lars Morger
Das jb Brunex Superior Racing Team mit dem Siebner Joe Broder hat ein erfolgreiches Heimweltcup-Wochenende hinter sich. Wir haben Broder während der Woche begleitet und bieten einen exklusiven Einblick in das Leben im Mountainbike-Weltcupzirkus.

Es ist Freitag auf der Len­zerheide. Noch dauert es ­eineinhalb Stunden, bis der Mountainbike-Weltcup mit dem Short Track Rennen so richtig lanciert wird. Im Zelt des jb ­Brunex Superior Racing Teams herrscht aber schon Hochbetrieb. Die Mountainbikes werden von den Mechanikern in Form gebracht, die Fahrerinnen müssen zum Einfahren erst auf die Strecke und dann auf die Rolle. Der Puls muss ­hochgejagt werden, damit dem Körper bewusst wird, dass eine enorme ­Belastung auf ihn zukommt. Denn das Short Race hat es in sich. Während 20 Minuten wird auf allerhöchster ­Belastungsstufe Vollgas gegeben, um sich für das Cross-Country-Rennen vom Sonntag in eine gute Position zu bringen.

Die Fahrerinnen machen sich bereit für das Rennen. Bild: Lars Morger

Für Joe Broders Team stehen mit Nina Benz, Ramona Forchini und Sophie von Berswordt drei Fahrerinnen am Start. «Langsam kommt die Nervosität», sagt der Siebner etwas mehr als eine Stunde vor dem Start. Dem sonst so ruhigen und besonnenen Broder sieht man die Anspannung an. Er tigert im Zelt umher, diskutiert mit den Mechanikern und gibt seinen Fahrerinnen nochmals die Taktik vor: «Es gibt nur eins: Vollgas. Verausgabt euch da draussen, gebt alles. Ihr habt nichts zu verlieren.»

Dann gehts an die Strecke. In der Startbox spricht Broder Nina Benz ­letzten Mut zu, nachdem diese zuvor im Teamzelt einen emotionalen Moment hatte.

  • Zuerst hatte Nina Benz einen emotionalen Moment... Bild: Lars Morger
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  • ... ehe sie von ihrem Teamchef Joe Broder motiviert wird. Bild: Lars Morger
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  • Zusätzlich bekommt sie noch letzte Anweisungen mit auf den Weg. Bild: Lars Morger
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Die Deutsche lächelt und scheint für das Rennen bereit, wie auch die beiden anderen Fahrerinnen. Broder ­verbringt das Rennen an der Strecke, mit bestem Blick auf den Start.

Zusammen mit seiner Mechanikerin Joana Schöntal verfolgt Broder den Start. Bild: Lars Morger

Als dieser erfolgt, gibts für Benz gleich den ersten Rückschlag. Sie ist in einen Sturz verwickelt und beginnt das Rennen von ganz hinten im Feld. Broder ­ärgert sich. «Das ist unglaublich schade für sie.» Sie kann den Rückstand nicht mehr wettmachen und steigt aus dem Rennen aus. Wie sich später herausstellt, fühlte sich die Deutsche nicht fit. Broder ärgert sich, dass er davon nichts gewusst hat. «Sie müssen mit sowas zu mir kommen, ich muss Bescheid wissen. Sonst kommt schnell die Frage auf, warum ich eine kranke Fahrerin an den Start lasse.» Dennoch hofft er, dass seine Fahrerin bis am Sonntag wieder gesund ist.

Besser läuft das Rennen für seine anderen beiden Athletinnen. Broder feuert diese immer wieder an, ruft ihnen viel Mut zu.

Bild: Lars Morger

Die Niederländerin Sophie von Berswordt dankt es, in dem sie das Short Race auf dem 19. Platz beendet und somit 11 Plätze weiter vorne starten darf, als die Weltrangliste vorsieht. Broder ist abgesehen vom Zwischenfall von Nina Benz zufrieden. «Darauf können wir am Sonntag aufbauen.» Im Zelt folgt die Nachbesprechung. Broder analysiert, spricht Lob aus, tröstet.

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Dann ist der Arbeitstag zu Ende und es gibt für den eigentlichen Weinliebhaber ein Feierabendbier. «Das muss auch sein», sagt Broder.

Mit Transfergesprächen beschäftigt

Am Samstag steht zwar kein Rennen auf dem Programm, zu tun gibts aber trotzdem einiges. Während die Fahrerinnen trainieren und immer wieder Fans beim Zelt vorbeikommen, ist Broder mitten in der Planung für die kommende Saison. Zwei, maximal drei Plätze werden in seinem Team frei. Bewerbende gibt es gut 30. Broder muss somit viele Fahrer enttäuschen, ihnen einen Platz bei ihm verweigern. 

«Die Fahrer müssen von unserem Team überzeugt sein und ihre finanziellen Wünsche hinten anstellen.»
Joe Broder, Teamchef des jb Brunex Superior Racing Teams

Er kann den Rad-Profis alle Voraussetzungen bieten, die für eine Weiterentwicklung und den Erfolg wichtig sind. Viel bezahlen kann er ihnen aber nicht, auch aufgrund des im Weltcupzirkus sehr kleinen Budgets. «Ich muss sehr haushälterisch mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln umgehen. Die Fahrer müssen von unserem Team überzeugt sein und ihre finanziellen Wünsche hinten anstellen.»

Geht es ums Business, ist Broder knallhart. So hat er vor zwei Monaten einer Fahrerin das Angebot gemacht, nächste Saison in seinem Team zu fahren. Diese pokerte aber, wartete auf ein besseres Angebot, fand aber keines. Sie kam zwei Monate später wieder, wollte dann doch noch in sein Team. Doch Broder wies sie ab. «Ich will nicht, dass unser Team nur eine Notlösung ist. Die Fahrer sollen vom Projekt und meiner Vision überzeugt sein und auch wirklich zu uns kommen wollen.»

Diese Vision soll einen Fahrer oder eine Fahrerin aus seinem Team an die Olympischen Spiele 2024 nach Paris bringen. So lange will Broder sicher noch weitermachen. «Die Leidenschaft ist ungebrochen. Und Paris ist ja nicht so weit weg wie Tokio», sagt er mit einem Schmunzeln. Diese Leidenschaft für den Nachwuchs, die Talente und sein Team sind riesig, das merkt man dem ehemaligen Motorradrennfahrer in jedem Moment an. Anders wäre die Arbeit, die er leistet, auch gar nicht machbar. Denn 80 Prozent seiner Arbeit als Teamchef macht Broder unentgeltlich. Das Teambudget von 300 000 Franken pro Saison ist mit das tiefste im Weltcupzirkus.

Um sein Team so zu führen, wie er es gerne täte, bräuchte es weitere 200 000 Franken. Er würde seinen Fahrerinnen und Fahrern gerne eine etwas grössere Team-Area bieten, mit einem grösseren Zelt. Was ihm zudem noch fehlt, ist ein Vollzeit-Mechaniker. Denn ohne dies geht es heute fast nicht mehr. Wenn Broder von einem Rennwochenende nach Hause kommt, muss er sich erst einmal um alle Bikes kümmern, reparieren, putzen, instandsetzen. «Das raubt viel Zeit und Energie, die ich anderswo besser einsetzen könnte.»

Enttäuschung zum Auftakt

Umso beeindruckender ist die Arbeit, die er und sein Team immer wieder abliefern. So auch am Sonntag. Bereits früh beginnt der Tag, um 8.30 Uhr startet Jacqueline Schneebeli im U23-Rennen. Nach guter Vorbereitung ist alles angerichtet für ein erfolgreiches Rennen.

Präzision bei den Vorbereitungen (wie hier beim Reifenmessen) ist wichtig. Bild: Lars Morger

Schneebeli scheint gut drauf zu sein. Wenn es ihr gut läuft, «sind die Top 6 möglich», meint der Teamchef. In der ersten Runde sieht alles bestens aus, Schneebeli fährt auf Platz fünf in der Spitzengruppe. Doch dann überholt eine Fahrerin nach der anderen die jb-Athletin. «Gopfertammi, das kann doch nicht sein. Das passt nicht zu ihr», ärgert sich Broder.

Nach einem Sturz wird sie bis auf den 36. Platz durchgereicht, am Schluss wird es Rang 25. «Ich weiss, dass sie viel mehr kann. Darum bin ich enttäuscht. Aber solche Rennen gibts immer mal wieder.» Trotz der Enttäuschung ist Broder der Erste, der nach der Zielankunft bei der untröstlichen Schneebeli steht, sie wieder aufbauen will, ihr gut zuredet.

Bild: Lars Morger

Auch wenn der Start in den für das jb-Team mit drei Rennen vollbepackten Sonntag nicht geglückt ist, richtet sich Broders Blick gleich nach vorne. Denn nur zwei Stunden später starten Kim Ames, Sophie von Berswordt und Ramona Forchini zum Elite-Rennen. Den ersten Rückschlag gibts aber schon früher. Die vierte Fahrerin Nina Benz fällt nun auch für das Elite-Rennen aus, konnte ihre Krankheit nicht ausreichend kurieren.

Der Höhepunkt folgt am Sonntag

Doch der Ärger und die Rückschläge des Morgens sind schnell vergessen. Denn im Cross-Country-Rennen über die olympische Distanz liefern Joe Broders Athletinnen richtig ab. Sowohl Ramona Forchini als auch Sophie von Berswordt sind von Anfang an gut im Rennen und machen kontinuierlich Plätze gut. Für den Teamchef am Streckenrand gibts kein Halten mehr. Er eilt von einer Stelle zur nächsten, damit er seine Athletinnen stets zu Höchstleistungen pushen kann.

  • Joe Broder ruft seinen Fahrerinnen zu. Bild: Lars Morger
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  • Er pusht sie zu Höchstleistungen. Bild: Lars Morger
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  • Bild: Lars Morger
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«Ich bin hypernervös, es ist unglaublich, was die Zwei zeigen», sagt Broder nach gut zwei Dritteln des Rennens, als von Berswordt in den Top 20 liegt und Forchini daran schnuppert. Im gleichen Stil geht es weiter, am Schluss sind es die Ränge 15 für Forchini und 16 für von Berswordt.

  • Ramona Forchini wird 15. Bild: Lars Morger
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  • Sophie von Berswordt klassiert sich direkt dahinter. Bild: Lars Morger
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Für den Teamchef ist nun alles vergessen, was an diesem Wochenende schief gelaufen ist. «Zwei Top-20-Plätze: Ich könnte vor Freude weinen oder erbrechen.»

Ein überglücklicher Teamchef mit seinen beiden erfolgreichen Fahrerinnen. Bild: Armin Küstenbrück

Nach der bisher eher schwierigen Saison und den Problemen im finanziellen Bereich ist das Resultat auf der Lenzerheide für den Siebner Balsam für die Seele. «Heute Abend gibts ein ganz grosses Bier zur Feier.»

Ganz vorüber ist der Arbeitstag für Broder und das Team aber noch nicht, denn mit Simon Vitzthum steht auch noch ein jb-Athlet im Männerrennen am Start. Er fährt auf den 34. Platz. Die grosse Geschichte für Joe Broder schreiben an diesem Wochenende aber Ramona Forchini und Sophie von Berswordt. Sie sorgen mitunter dafür, dass der Siebner auch im kommenden Jahr wieder Vollgas für seine Sportler, sein Team und den Sport geben wird.

Lars Morger, Sportredaktion March24 & Höfe24