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Lachen
27.04.2020
26.04.2020 17:54 Uhr

«Der Mangel an Schutzmaterial wäre vermeidbar gewesen»

Dr. Thomas Bregenzer, Infektiologe am Spital Lachen, über das Coronavirus: «Die Tatsache, dass es Länder in Europa gibt, deren Gesundheitswesen komplett überlastet war, zeigt, dass diese epidemische Welle eine ganz andere ist als die gewöhnliche Grippewelle.»
Die Art und Weise, wie der Bundesrat, aber auch die Schwyzer Regierung die Corona-Krise angingen, ist Gegenstand unterschiedlichster Meinungen. Wir haben Infektiologe Dr. Thomas Bregenzer die kritischen Fragen gestellt.

von Anouk Arbenz

Die Vogelgrippe 1997, Sars in den Jahren 2002/03, die Schweinegrippe im 2009/10 und 2012 Mers – ebenfalls aus der Familie der Coronaviren: In all diesen Jahren stand das Pandemierisiko prominent und medial im Zentrum. Dennoch wurden die nötigen Massnahmen nie ergriffen, die Lagerbestände nicht gesichert und der Pandemieplan nie umgesetzt. «Der Kostendruck im Gesundheitswesen hat vermutlich dazu beigetragen, dass man diese Kosten einsparen wollte und jetzt entsprechend nicht gut vorbereitet war», erklärt sich dies Dr. Thomas Bregenzer, Facharzt
FMH Infektiologie am Spital Lachen. Nicht nur die staatliche Vorbereitung sei vernachlässigt worden, «auch die persönliche Vorbereitung haben viele nicht ernst genommen». 

Üben, um für das nächste Mal besser gewappnet zu sein

«Es wird sich lohnen, zu prüfen, wie man sich besser vorbereiten kann, und zu überlegen, wie man ein Szenario dieser Art ‹üben› könnte, um besser auf die Bedrohung zu reagieren», sagt Bregenzer rückblickend. Mit der Zusammenarbeit zwischen dem Amt für Gesundheit, der Ärzteschaft und den Spitälern sei er sehr zufrieden. «Es gibt eine grosse Bereitschaft, zu helfen.» Jetzt, wo die Massnahmen gelockert werden, sei es aber wichtig, wachsam zu bleiben, um einen erneuten Anstieg der Erkrankungen erfassen und darauf reagieren zu können.

Im Interview kommt Dr. Bregenzer auch auf die Kritik zu sprechen, eine saisonale Grippewelle führe zu weit mehr Todesfällen als jetzt das Coronavirus. «Das Coronavirus und eine Grippewelle sind nicht miteinander zu vergleichen», sagt er. 

Vollständiges Interview in der Print-Ausgabe «March-Anzeiger» und «Höfner Volksblatt» zu lesen.

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Auszug aus dem Interview:

Ist die weltweite Reaktion auf das Virus mit Lockdowns Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?

Rückblickend hätten die Massnahmen drastischer sein dürfen, wenn man den Fokus auf die Gesundheit und die Todesfälle richtet. Wenn man auf die ökonomischen Folgen der Massnahmen fokussiert, wird man zu einem anderen Schluss kommen. Letztlich geht es um die Abschätzung von Risiken. Die wirtschaftlichen Folgen werden in unserer Gesellschaft im Moment noch weniger gewichtet. Gesundheit ist ein sehr hohes Gut. Allerdings muss man berücksichtigen, dass Arbeitslosigkeit, existenzielle Nöte und Verarmung, die als Folge des wirtschaftlichen Einbruches entstehen können, auch gesundheitliche Folgen haben.

Hätte man schon früher, also bereits für die saisonale Grippe, Massnahmen ergreifen müssen?

Wir ergreifen jedes Jahr Massnahmen, um die Grippewelle zu dämpfen. Es gibt immer eine Kampagne des BAG mit einem Grippe-Impftag. Spätestens seit der Schweinegrippe-Pandemie 2009 werden auch jährlich die grundlegenden Hygienemassnahmen wieder in Erinnerung gerufen. Aber die Massnahmen sind wegen ihrer Ausgangs-lage weniger eingreifend. 

Können wir bereits heute eine Lehre aus dem Ganzen ziehen?

Der Mangel an Schutzmaterial wäre vermeidbar gewesen, wenn die Vorgaben der Pandemiepläne ernst genommen worden wären. Wir haben uns aber alle nicht vorstellen können, dass eine solche Pandemie über uns hereinbricht: Viele Menschen, die 2009 gemäss der Empfehlung bei der Schweine-grippe Masken gekauft hatten, haben diese in den letzten Jahren ungebraucht weggeworfen. Die Lehre müssen alle ziehen. Auf die Verantwortlichen zu zeigen, löst die aktuelle Problematik nicht. Wir können uns aber für eine nächste Pandemie oder eine weitere CoViD-19-Welle besser vorbereiten. Für eine möglichst gute Wirkung von Massnahmen wäre es zweckmässig, wenn nicht Staaten individuell Massnahmen ergreifen. Eine koordinierte Aktion würde einen grösseren Effekt erzielen.

 

Anouk Arbenz, Redaktion March24/Höfe24