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Sport
23.07.2021

Folgt die Krönung für die Fortschritte?

Bereit für das Olympiaturnier: Tanja Hüberli (links) mit Partnerin Nina Betschart und Trainer Christoph Dieckmann.
Bereit für das Olympiaturnier: Tanja Hüberli (links) mit Partnerin Nina Betschart und Trainer Christoph Dieckmann. Bild: Andrea Eisenring
Am Samstag werden die Reichenburgerin Tanja Hüberli (28) und Nina Betschart das Beachvolleyballturnier aus Schweizer Sicht eröffnen. Den beiden darf bei ihrer olympischen Premiere einiges zugetraut werden.

In den morgigen Startspielen des Beachvolleyball-Turniers kommt es gleich zweimal zum mit Spannung erwarteten Duell Schweiz gegen Deutschland. Hüberli/Betschart treffen auf Ludwig/Kozuch. Und Vergé-Dépré/Heidrich treten gegen Borger/Sude an.

Die ersten Tage hat Hüberli das olympische Leben auf sich einwirken lassen: «Ich geniesse es extrem. Aber allzu viel kann man auch nicht unternehmen wegen Corona. Und der Kraftraum ist immer sehr voll, und da willst du auch nicht zu nah Kontakt haben. Für ein Training muss man gut vier bis fünf Stunden einrechnen, und so bleibt gar nicht soviel Zeit übrig.» 

Stadion zur Leere verdammt

Morgen werden Hüberli/Betschart die sportliche Bühne betreten. Es ist ein Gang in eine Arena, die ihresgleichen sucht: ein edles Mammutstadion, das leer bleiben wird. Es könnten einem die Tränen kommen. Da haben die Organisatoren ein fantastisches Beachvolleyballstadion in einen grünen Park am Meer gestellt, alles wäre bereit gewesen für ein Volleyball-Fest der Extraklasse – und keiner wird hingehen dürfen.

Statt 12'000 Zuschauer, welche die Sandakrobaten bestaunen, herrscht gähnende Leere. Das bedauert natürlich auch Hüberli: «Klar, das Stadion ist sehr cool, aber stell dir vor, es wäre noch gefüllt mit Zuschauern. Das ist halt schon sehr schade. Aber das müssen wir jetzt beiseite schieben. Wir haben ja dieses Jahr schon oft ohne Publikum spielen müssen.»

Die Resultate der letzten drei Jahre, insbesondere aber der letzten Monate, stimmen sehr zuversichtlich, dass die beiden Olympia-Neulinge in den nächsten zwei Wochen ganz vorne mitmischen können. Zu den Highlights gehören die EM-Silbermedaille 2018 und der WM-Halbfinal 2019 in Hamburg. Und seit Mitte August 2019 haben Hüberli und Betschart in neun Turnieren auf der World Tour nur noch Platzierungen zwischen Rang neun und zwei abgeliefert, gipfelnd im Finaleinzug Ende Mai in Sotschi.

Tanja Hüberli trainiert im Olympia-Stadion in Tokio. Bild: Andreas Eisenring

Keine rangmässige Zielsetzung

Seit zwei Jahren beeindrucken die beiden also mit grosser Konstanz und nähern sich ebenso konstant der absoluten Weltspitze an. «Wir werden inzwischen von allen Gegnerinnen definitiv sehr ernst genommen», stellt Tanja Hüberli fest.

Diese Aufwärtsentwicklung weckt natürlich berechtigte Erwartungen. Dennoch wollen sich die beiden, im Gegensatz zu Anouk Vergé-Dépré und Joana Heidrich (Zielsetzung Halbfinal), nicht auf eine konkrete Zahl einlassen. Partnerin Nina Betschart begründet: «Ja, wir sind sicher in guter Form, aber einen konkreten Rang wollen wir nicht definieren. Wir wollen wirklich Spiel für Spiel nehmen und möglichst unsere beste Leistung zeigen. Klar, das klingt ein wenig nach Floskel, aber Tanja und ich haben das so besprochen und denken, dass dies für uns die beste Strategie ist.» Nun, es ist sicher berechtigt, die beiden zum Kreis der Viertelfinalistinnen zu zählen.

Dieckmann bringt beide weiter

Grossen Anteil am Aufwärtstrend hat der Deutsche Trainer Christoph Dieckmann (als Spieler Olympiafünfter in Athen 2004): «Ich sehe konstante Fortschritte. Mein Team ist weiter als vor einem Jahr und auch weiter als vor drei Monaten.» Ihre Resultate hätten gezeigt, dass es weit nach vorn gehen kann. «Die beiden gehen gut um mit all den olympischen Erfahrungen. Im Training waren wir sehr konstant, und wir werden bereit sein.»

Inzwischen ist die Fokussierung auf das erste Spiel voll im Gang, Aussenkontakte werden eingeschränkt. Hüberli will es trotzdem angehen lassen wie immer: «Ich habe eigentlich keine speziellen Rituale und gehe vor wie üblich. Ich will das hier auch so halten und nicht noch spezieller machen. Was sicher dazu gehört bei mir, ist Musik, oft höre ich House und schnellen Technosound. Und zum Trinken richte ich mir immer zwei verschiedene Getränke: Holunderblütentee und Apfelminze.»

Hüberlis neue Gelassenheit

Und wie hat sie es mit der Nervosität? «Es gibt Spieltage, wo ich ein komisches Gefühl im Bauch spüre und merke, heute ist wohl ein spezieller Tag», erklärt sie. Aber es kann ganz unterschiedlich sein. Zum Beispiel 2018 vor dem EM-Final war ich überhaupt nicht nervös. Im Moment bin ich auch noch sehr entspannt und geniesse das Privileg, überhaupt hier zu sein und spielen zu können. Aber das Kribbeln wird dann wohl schon noch kommen.»

Wichtig wird sein, die richtige Mischung aus Wettkampfnervosität und Lockerheit zu finden. Ihre plötzliche Erkrankung im Trainingslager in Teneriffa im Dezember 2019, eine schwere Lungenembolie, machte einen sofortigen operativen Eingriff nötig. Das hat  bei der Märchlerin etwas ausgelöst: «Seit meiner Krankheit höre ich besser auf die Signale meines Körpers. Und ich habe gemerkt, dass es nebst dem Sport noch anderes Wichtiges gibt. Ich war früher manchmal wohl etwas zu hart mit mir selbst. Zwar bin ich immer noch gleich ehrgeizig, aber weniger verbissen als früher», analysiert Hüberli ihre Entwicklung. Diese neue Gelassenheit, gepaart mit einem guten Formstand, wären eigentlich beste Voraussetzungen für einen Exploit.

Tanja Hüberli (im Bild) und Nina Betschart starten am Samstag ins Olympia-Turnier und trainieren dafür hart. Bild: Andreas Eisenring

Olympia-Programm Beachvolleyball Frauen

 

Hüberli/Betschart

 

Samstag, 24. Juli, 8 Uhr: Hüberli/Betschart – Ludwig/Kozuch (GER)

Montag, 26. Juli, 9 Uhr: Hüberli/Betschart – Hermannova/Slukova (CZE)

Mittwoch, 28. Juli, 3 Uhr: Hüberli/Betschart – Ishii/Murakami (JPN)

 

Sonntag, 1. August, ab 2 Uhr: Achtelfinals Frauen und Herren, Teil 1

Montag, 2. August, ab 2 Uhr: Achtelfinals Frauen und Herren, Teil 2

 

Dienstag, 3. August, 2,3, 14 oder 15 Uhr: Viertelfinals Frauen

 

Donnerstag, 5. August, 2 oder 14 Uhr: Halbfinals Frauen

 

Freitag, 6. August, 3 und 4.30 Uhr: Spiel um Platz 3 und Final Frauen

Andreas Eisenring, March24 und Höfe24