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25.01.2021

Arzt plädiert für ein normales Leben

Der Mediziner Antoine Chaix ist gegen jede Corona-Alarmitis: «Covid wird uns noch lange begleiten und wir müssen leider lernen, mit diesem Erreger zu leben.» Bild: zvg
Verschiedentlich äusserte sich der Mediziner und Kantonsrat Antoine Chaix aus Einsiedeln zu Corona. Auch heute erklärt und begründet er seine kritische Haltung, gerade in Bezug auf die restriktiven Massnahmen.

Der Arzt und Kantonsrat Antoine Chaix aus Einsiedeln hinterfragt Corona-Massnahmen für die ganze Gesellschaft. Er sagt, dass im Fokus aller Schutzhandlungen vor allem Spitäler, Altersheime und Risikopatienten stehen müssten.

Mit Antoine Chaix sprach Johanna Mächler

Was wissen Sie als Arzt mittlerweile über das Coronavirus?

Der Hauptunterschied zu meinem Eindruck vor der ersten Welle ist es, dass Covid-19 ein wirklich eigenes, für gewisse Menschen schwerwiegendes Krankheitsbild mit gut abgrenzbaren klinischen Eigenheiten verursachen kann. Wir haben in unserem Kanton seit Ausbruch der Pandemie 173 Tote zu beklagen, die in Zusammenhang mit dem Virus gestorben sind (Stand Montag, 18.Januar).

Was können Sie zu dieser Todeszahl bezüglich Übersterblichkeit sagen?

Die Übersterblichkeit steht sehr im Fokus des Interesses. Diese nicht ganz einfach zu definierende statistische Grösse wird je nach Sichtweise zum Beweis des Schweregrads oder aber zur Relativierung dessen fast konträr in Anspruch genommen. Die Covid-Problematik auf die Sterblichkeit allein zu reduzieren, ist allerdings zu vereinfachend, weshalb ich mich weniger mit dieser Frage auseinandergesetzt habe.

«Der Altersdurchschnitt der mit Covid Verstorbenen liegt Mitte Januar bei 86 Jahren.»
Antoine Chaix

 

Trotz strenger Massnahmen in den Seniorenheimen sterben vor allem die dortigen alten Bewohner. Was zeigt uns das?

Es zeigt, dass das Virus mit diesen strengen Massnahmen im Kleinen – in den Altersheimen – wie im Grossen – national und international – kaum aufzuhalten ist. Und es bestätigt, dass die Sterblichkeit – im Unterschied zu schweren, aber nicht tödlichen Verläufen – vor allem die Hochbetagten betrifft. Als positiv empfinde ich den Umgang vieler Senioren mit der Gefährlichkeit einer Covid-Infektion in ihrem Alter. So haben viele ihre Patientenverfügung mittlerweile angepasst und lehnen eine Hospitalisierung, geschweige denn intensivmedizinische Massnahmen im Falle einer Covid-Infektion, ab.

Sind die jetzigen Corona-Massnahmen bei sinkenden Fallzahlen Ihrer Meinung nach noch angebracht? Ist der aktuelle Lockdown II nötig?

Da habe ich persönlich eine deutlich kritische Haltung. Wie vorhin erwähnt, glaube ich nicht, dass diese Pandemie mit den restriktiven Massnahmen im gewünschten Rahmen kontrolliert werden kann. Auch die Nachbarländer, die eine noch härtere Linie seit Langem fahren, scheinen in keiner Weise die Epidemie besser im Griff zu haben. Leider sind die Entscheidungsträger, die Politiker und die beratenden Wissenschaftler in ihrer eigenen Strategie betriebsblind gefangen: Der Mechanismus, steigende Fallzahlen zieht strenge Massnahmen nach sich, die bei ausbleibendem Erfolg noch verschärft werden müssen. In sich selber mag dies eine gewisse Logik haben, es erschüttert mich aber, wie unkritisch diese Strategie trotz der wenig überzeugenden Bilanz hingenommen wird. 

«Das Alarmistischste basiert ganz stark auf den Lageberichten der Spitalfront.»
Antoine Chaix

Sind unsere Spitäler mittlerweile ausreichend dafür gerüstet?

Nein, eher nicht. Ich bin enttäuscht, dass nicht mehr innovative Ideen kommen, um die Engpässe in den Spitälern zu erweitern, ihre Kapazität mittel- bis langfristig zu erhöhen. Die Hospitalisierungen und Zahlen der Todesopfer sind relativ zuverlässige Hinweise für den Verlauf der Pandemie (ohne dabei auf die Diskussion einzugehen, ob jemand mit oder an Covid-19 gestorben ist). Das Schwierigste ist für mich aber die Tatsache, dass das Alarmistische ganz stark auf den Lageberichten der Spitalfront basieren. Informationen, zu denen wir Aussenstehende keinen direkten Zugang haben, womit eine objektive Meinungsbildung kaum möglich ist.

«Wir haben den Umgang mit dem Tod bis zu einem gewissen Grad gesellschaftlich verlernt.»
Antoine Chaix

Opfert die Schweiz ihre Wirtschaft und damit bald auch ihren Wohlstand? Wie könnte man die Wirtschaft schützen, es anders machen?

Nicht die Wirtschaft gilt es zu schützen, sondern die Menschen als Teil eines biopsychoökonomischen Systems. Die Kollateralschäden, welche die jetzigen Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie auf menschlicher und wirtschaftlicher Ebene schon angerichtet haben und in den nächsten Jahren anrichten werden, sind enorm. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Geld zum Auffangen der unmittelbaren Folgen der Massnahmen mit einer innovativeren, mutigeren Strategie besser investiert werden könnte. Ich denke dabei an die verstärkte Unterstützung der Spitäler und Altersheime sowie den wirklich gezielten Schutz von Hochrisikopatienten. Etwa in der Umschulung von Pflegepersonal in kurzen IPS-Modulen, in der flexibleren Zulassung von zusätzlichen IPS-Plätzen und Covid-Stationen sowie andere Möglichkeiten für eine gute Betreuung derer, die es nötig haben. Damit die anderen wieder leben können. Covid wird uns noch lange begleiten und wir müssen leider lernen, mit diesem Erreger zu leben.

Vollständiges Interview in den Printzeitungen «March-Anzeiger» und «Höfner Volksblatt zu lesen.

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Johanna Mächler, Redaktion March24 und Höfe24