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07.12.2020

Über zwei Jahre Haft für St.Gallerin in Minsk

Die St.Gallerin Natalie Hersche wurde an einem Protestmarsch in Belarus festgenommen.
Die St.Gallerin Natalie Hersche wurde an einem Protestmarsch in Belarus festgenommen. Am Montagnachmittag wurde sie zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Die weissrussische-schweizerische Doppelbürgerin Natalie Hersche aus St.Gallen reiste am 11. September nach Belarus, um an Protesten gegen die Regierung Alexander Lukaschenkos teilzunehmen. Am 19. September wurde die zweifache Mutter nach einem grossen Frauenrechtsprotest verhaftet.

Sturmhaube zerrissen und Gesicht zerkratzt

Nach über zwei Monaten Ungewissheit wurde Hersche am Montag zu zwei Jahren sechs Monaten Haft vom Gericht in Minsk verurteilt. Die Anklage besagt, dass die Doppelbürgerin am 19. September gegen 17 Uhr im Rahmen eines Verwaltungsverstosses gegen Artikel 23.34 des Verwaltungsgesetzbuchs der Republik Belarus festgenommen wurde. Während der Verhaftung gehorchte sie nicht den Forderungen der Beamten, in das Spezialfahrzeug einzusteigen und  soll dem 22-jährigen Polizisten die Sturmhaube zerrissen und sein Gesicht gekratzt haben.

Auf die Frage nach dem Geständnis ihrer Schuld antwortete Natalia gemäss «spring96.org» so: «Ich gebe meine Schuld zu, an einem friedlichen Protest teilgenommen zu haben. Ich gebe meine Schuld nicht zu, weil ich Körperverletzung verursacht habe. Ich gebe zu, dass ich versucht habe, die Sturmhaube abzunehmen.»

«Folter, Misshandlungen und Vergewaltigungen»

Lars Bünger, Präsident von Menschenrechtsorganisation Libereco, erklärte angesichts der Verurteilung von Natalie Hersche: «Wir sind schockiert über das heutige Urteil. Die Haftstrafe für Natalie Hersche steht sinnbildlich für den verbrecherischen Charakter des Lukaschenko-Regime. Seit Monaten geht das Regime des Diktators mit massiver Gewalt gegen friedliche Demonstranten vor: Folter, Misshandlungen und Vergewaltigungen – selbst vor politischem Mord schreckt das Regime nicht zurück. In diesem Umfeld gibt es in Belarus schon lange keine fairen Gerichtsverfahren.

Wir betrachten Natalie Hersche als eine politische Gefangene und Geisel des Lukaschenko-Regime. Von Aussenminister Cassis und Bundespräsidentin Sommaruga erwarten wir nun eine energische Reaktion gegenüber dem Lukaschenko-Regime. Solange Natalie Hersche als Geisel in Belarus festgehalten wird, sollte der belarussische Botschafter in der Schweiz unseres Landes verwiesen werden. Der Gesamt-Bundesrat sollte ausserdem umgehend Sanktionen gegen Lukaschenko persönlich verhängen und alle Konten, die ihm und seiner Familie und Umfeld in der Schweiz zuzuordnen sind, einfrieren.»

Bundesrat konnte nicht helfen

Libereco hatte im Vorfeld Bundesrat Ignazio Cassis dazu aufgefordert, entschiedener gegen das belarussische Regime vorzugehen und sich direkt bei Machthaber Lukaschenko für die Freilassung der Schweizer Bürgerin einzusetzen. Diesbezüglich reichte Libereco eine Petition mit 9500 Unterschriften beim EDA ein, mit der ein grösseres Engagement des schweizer Aussenministers für die Freilassung von Natalie Hersche gefordert wurde. Dieser setzte sich im Telefonat für die Doppelbürgerin ein – erfolglos. 

Linth24