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Wollerau
04.07.2020

«Berührungsängste gegenüber der Finanzwelt hatte ich als Bauer nie»

Nach 14 Jahren im Bezirksrat Höfe, davon die letzten sechs Jahre als Bezirksammann, gibt Meinrad Kälin sein Amt ab. Wie er sich als Bauer in der Finanzhochburg Höfe behauptete und warum er ein Zusammengehen der Höfner Gemeinden befürwortet, erklärt er zum Abschied.

mit Meinrad Kälin
sprach Andreas Knobel

Anfang dieser Woche übergaben Sie das Amt des Bezirksammanns der Höfe an Frau Bezirksammann Yolanda Fumagalli. Welche Tipps geben Sie ihr mit?

Nun ja, Tipps sollte man in solchen Fällen nicht zu viele geben. Am ehesten würde ich sagen, sie soll sich selber bleiben und ihren eigenen Weg gehen, einfach die Sache im Sinne der Bürgerinnen und Bürger recht machen. Den Vorgänger zu kopieren, das kommt nie gut. So habe ich es damals mit meinem Vorgänger auch gehandhabt.

Sie sind in der CVP, Ihre Nachfolgerin in der SVP. Macht dies einen Unterschied in der Amtsführung?

Praktisch nicht, den Unterschied macht die Persönlichkeit. Sie wird bestimmt etwas anders führen als ich, und das ist gut so.

Nun hat die CVP an den Nachwahlen ihren Sitz im Bezirksrat Höfe an einen Unabhängigen verloren. Das ist also auch kein Unglück?

Nein, in einer Exekutive – vom Gemeinde- über den Bezirks- und Regierungs- bis zum Bundesrat – sollte die Parteizugehörigkeit ohnehin eine untergeordnete Rolle spielen. Hier ist Sachpolitik gefragt. Parteisoldaten bringen da nichts. Klar gibts gewisse Unterschiede zwischen einem SP- und einem SVP-Vertreter. Wenn jemand aber zu stark Parteipolitik betreiben will, lässt man ihn das bald merken – der läuft auf. Zumal man in einer Kollegialbehörde gegen aussen die Meinung des Rats vertreten muss.

Welches sind die drängendsten Probleme, die der Bezirk zu lösen hat?

Das ist sicherlich die Infrastruktur mit dem neuen gemeinsamen Verwaltungsstandort in der Leutschen. Aber auch die Schulprojekte wie auf dem Riedmatt-Areal sind stets wichtige Themen. Dazu kommt meiner Meinung nach der Hochwasserschutz am Krebsbach und am Sarenbach, der uns noch weiter beschäftigen wird. Auch das Spital Lachen dürfte weiterhin ein Thema bleiben.

Ist die Entfremdung in den Dörfern, das Aufrechterhalten der heimischen Kultur, nicht auch ein relevantes Problem in den Höfen?

Als zweite Priorität mag das sein, damit sich die Entfremdung nicht fortsetzt und das Dorfleben aktiv bleibt. Doch da sehe ich vor allem auch die drei Gemeinden in der Pflicht …

… aber kann man diese Entwicklung überhaupt von oben lenken?

Das ist tatsächlich schwierig. Was will man machen, wenn die Jungen fortziehen und dann spätestens deren Kinder sich nicht mehr hier engagieren und sich die Zuzüger sowieso nicht integrieren? Das wird sich in Zukunft wohl oder übel noch verstärken.

Der Bezirk Höfe steht finanziell auf sehr starken Beinen. Wie sehen Sie die finanzielle Zukunft – und könnte da Corona einen Strich durch die Rechnung machen?

Das wird noch eruiert, so genau kann man das noch nicht sagen. Bestimmt werden wir die Coronakrise aber nächstes Jahr und auch in den kommenden Jahren steuermässig spüren. Vor allem bei den Firmen, also den juristischen Personen, wird es Einbrüche geben. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere geplanten Projekte eben gerade nicht stoppen, weil weniger Steuern reinkommen, sondern unbeirrt weiterführen. Ansonsten beschädigen wir die Wirtschaft nachhaltig. Zumal die öffentliche Hand auch mit weniger Steuereinnahmen sehr wohl zu Geld kommen kann. Und nicht zu vergessen: Bezirk und Gemeinden haben zurzeit ein sattes Polster an Eigenkapital.

Faktisch finanzieren der Bezirk und die Höfner Gemeinden Freienbach, Wollerau und Feusisberg einen Grossteil des Kantons Schwyz mit dem kantonalen Finanzausgleich und ebenso die Zahlungen des Nationalen Finanzausgleichs. Wird dies auch in Zukunft möglich sein?

Das stimmt. Den direkten Finanzausgleich – also von Gemeinden zu Gemeinden – finanzieren die Höfner zu über 99 Prozent. Und – behaften Sie mich nicht bei den genauen Zahlen – über die Hälfte der Kantonssteuern kommen ebenso aus unserem Bezirk. Das heisst, auch der Grossteil des Nationalen Finanzausgleichs stammt aus den Höfen.

Aber unterstützen Sie das – oder muss das geändert werden?

Das wird sicher so bestehen bleiben. Unsere Befürchtung ist, dass sich das Ungleichgewicht zusätzlich zuungunsten der Höfe verschiebt, dass wir also noch mehr übernehmen müssen. Fakt ist, dass der Regierungsrat darüber entscheidet und wir nur ein Pseudomitspracherecht haben. Wir haben da also praktisch keine Möglichkeit der Einflussnahme. Mit der Höhe der aktuellen Zahlungen müssen und können wir also leben. Es ist halt ein Fakt, dass die Höfe enorm finanzstark sind, sie sind im Kanton Schwyz der Motor der Wirtschaft und der Finanzen – zumindest noch vorläufig.

Oftmals wurden und werden die Höfe wegen ihrer guten finanziellen Lage «angezündet». Was entgegnen Sie dann? Und ärgert Sie das?

Ja, das kommt vor. Das darf man meist nicht zu ernst nehmen, vor allem wenn es von einfachen Bürgern stammt. Wenn aber falsche und gehässige Voten aus Behördenkreisen fallen, reagiere ich schon energisch. Immerhin geben wir jeden dritten Franken, den wir in Form von Steuern einnehmen, in den Finanzausgleich. Dennoch gibt es Stimmen aus Gemeinden – und nicht mal den ganz kleinen – man solle uns noch mehr schröpfen. Es gibt auch Bestrebungen, die Kompetenz der Verteilung vom Regierungsrat zum Kantonsrat zu verschieben. Was wollen wir dann noch mit unseren insgesamt 17 Höfner Kantonsrätinnen und Kantonsräte ausrichten? Selbst wenn uns noch ein paar Märchler helfen würden! Damit meine ich nicht, dass sich alle vor uns verbeugen müssen – ein kleines Dankeschön statt harscher Kritik wäre aber hie und da durchaus angebracht. Übrigens: Die kleine Gemeinde Illgau hat uns Höfner Behörden einmal eingeladen, um erstens danke zu sagen und zweitens zu zeigen, was mit unserem Geld bewirkt wird – es wurde ein interessanter, lustiger, wunderbarer Tag!

Tatsächlich ist diese Region ein weltweit erfolgreicher Finanzplatz. Sie aber sind Bauer. Fühlten Sie sich im Umgang mit dieser Finanzwelt immer sicher und wohl?

Dieser Umgang mit der Finanzwelt war eigentlich beschränkt. Ich hatte eher Kontakt zu Behörden anderer Kantone, auch mal mit Bundesräten. Anzug und Krawatte waren gar nicht immer nötig. Im Zweifelsfall ist man aber besser «overdressed» als «underdressed», eine Krawatte kann man notfalls auch ablegen. Berührungsängste hatte ich jedoch sowieso nie, ob ich nun Bauer bin oder nicht. Klar ist, dass ich nicht gerade in den «Gadähudlä» auftauchte.

Die Bezirke wären schon mal beinahe abgeschafft worden. Hat diese Verwaltungsebene noch Zukunft?

Genau, das war vor 14 Jahren, ich erinnere mich. Aus meiner Sicht bräuchte es nicht andere Strukturen in den Bezirken, sondern im Kanton. Es gibt da 33 Verwaltungseinheiten. Das sind viel zu viele – sechs bis zehn Einheiten würden genügen. Dann wäre vieles einfacher, zum Beispiel auch die Suche nach Räten. Doch da bewegt sich wenig, im Gegensatz zum Kanton Zürich oder gar zum Kanton Glarus. Allerdings darf das nicht von oben befohlen werden, es muss von unten her wachsen.

Wäre es nicht angebracht, die Gemeinden aufzulösen und einen Einheitsbezirk zu bilden? Schliesslich haben die drei Gemeinden alle ähnliche Stärken und Schwächen.

Das ist richtig, es ist praktisch alles miteinander verwoben, wir arbeiten in allen Bereichen zusammen. Es gäbe also aus meiner Sicht kein einfacheres, kein prädestinierteres Gebilde für einen Zusammenschluss als die Höfner Gemeinden. Ich sage nicht, dass es billiger würde, aber deutlich einfacher. Ängste, dass dann kleinere Ortschaften nichts mehr zu sagen hätten, teile ich nicht. Es müsste dann bei fast 30  000 Einwohnern allerdings über ein Parlament nachgedacht werden. Ob ich das noch erleben werde? Vorläufig gibt es jedenfalls keine Bestrebungen in dieser Richtung.

Auf welche Projekte sind Sie stolz?

Mein persönlicher Höhepunkt ist der Hochwasserschutz Staldenbach, das ist ein Leuchtturmprojekt. Auch die Übernahme der Fliessgewässer durch den Bezirk war eine Herzenssache für mich. Was mich ebenso über viele Jahre begleitete, war die Neukonzessionierung des Etzelwerks. Diese ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber auf gutem Wege. Dasselbe gilt für die komplexe Liegenschaftsplanung im Bezirk. Diese beiden Vorlagen werde ich auch noch bis zu den Abstimmungen begleiten.

Und was ist Ihnen missglückt?

Es ist sicher nicht alles gelungen, und manches hätte wohl besser gemacht werden können. Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Aber so richtig den Bach runter gegangen ist eigentlich nichts. Allen recht machen kann man es ja sowieso nie – und das sollte man auch nie wollen.

Ist das Amt des Bezirksammanns Ihr letztes Mandat oder werden Sie sich für andere Funktionen bewerben?

Nein, auf politischer Ebene werde ich mich sicher nicht mehr bewerben – ich bin auch nicht mehr fünfzig!

Na ja, unter den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten wären Sie jedenfalls der Jüngste …

… (lacht) Um Himmels Willen nein, was will ich noch mehr. Aber in einigen wenigen Kommissionen beende ich die Arbeit noch.

Und was macht denn der Meiri Kälin nun mit der freien Zeit?

Ich freue mich darauf, dass mein Terminkalender nicht mehr fremdbestimmt ist. Da mein Junior den Bauernbetrieb führt, gibt es für mich aber immer etwas zu tun. Und schliesslich sind da noch die fünf Grosskinder. Denen will ich mich in Zukunft vermehrt widmen. Vielleicht bleibt dann auch etwas mehr Zeit für Hobbys. Ich überlege mir, ein Velo zuzulegen – aber da bin ich mir doch noch nicht so sicher.

Andreas Knobel, Höfe24