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Lifestyle
05.04.2020
02.04.2020 16:25 Uhr

Kein Shutdown: Macht es Schweden besser?

Offene Restaurants, Schulen und Skigebiete in Schweden. Hat das Land noch nichts vom Coronavirus gehört? Doch, aber die Skandinavier verfolgen eine ganz eigene Strategie zur Bekämpfung von Covid-19.

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich mich gestern durch die Instagram-Story meiner Cousine aus Schweden klickte: Da sitzt sie doch gemütlich in einem Café in Stockholm und trinkt einen Cappuccino in der Sonne. Im Hintergrund sieht man Menschen und hört Gelächter. Ein Vergnügen, das hier noch in ferner Zukunft scheint. «Habt ihr da oben noch nichts von Corona gehört?», frage ich sie daraufhin. «Doch klar, aber die Massnahmen zur Bekämpfung des Virus sind hier nicht so strikt», antwortet sie.

Tatsächlich: Schweden, das Land mit dem die Schweiz gerne mal verwechselt wird, geht einen Sonderweg und hält im Vergleich zum Rest von Europa nichts von einem Shutdown. In Kindergärten und Grundschulen bis zur neunten Klasse wird noch unterrichtet, es dürfen sich immer noch bis zu 50 Menschen treffen, und viele Cafés, Restaurants und Shops sind geöffnet. Sogar die Skigebiete sind in Betrieb. Damit hebt sich das Land klar von seinen skandinavischen Nachbarländern und fast ganz Europa ab, die deutlich restriktivere Wege im Kampf gegen Covid-19 gehen. Doch kann Schwedens Alleingang gut gehen?

«Freiwilligkeit ist Trumpf»

Schwedens Regierungschef Stefan Löfven rief vor Kurzem dazu auf, «Verantwortung zu übernehmen» und sich an die offiziellen Empfehlungen zu halten. Konkret bedeutet das: Wenn möglich im Homeoffice arbeiten, bei Krankheit zu Hause bleiben, Abstand halten. Zudem sollen Angehörige von Risikogruppen und Menschen über 70 nicht aus dem Haus gehen. Über Ostern soll die Bevölkerung auf Besuche bei ihren Verwandten verzichten – dazu rief die schwedische Gesundheitsbehörde auf. Doch all das sind Empfehlungen und keine Vorschriften, denn das Motto in Schweden lautet: «Freiwilligkeit ist Trumpf».

Die Gesundheitsbehörden gehen davon aus, dass man das Virus sowieso nicht stoppen könne und alle Massnahmen auch langfristig durchhaltbar sein müssen.

Schweiz und Schweden sind exportorientiert

Die verschiedenen Wege sind vor allem für die Schweiz von grossem Interesse: Schweden und die Schweiz sind in Bezug auf ihre Wirtschaft sehr ähnlich – mit einem starken, aber kleinen heimischen Markt, einer dynamischen Dienstleistungsindustrie und, vor allem, einer grossen Abhängigkeit vom Export.

Diese können durch das Offenhalten von Gaststätten oder Skigebieten zwar nicht beeinflusst werden. Aber: Die Belastung der Gesamtwirtschaft durch weniger exorbitante Kosten für Arbeitslose und Kredite an KMU werden kleiner ausfallen.

Übers Wochenende habe genau dieser Aspekt in der Schweiz zu ersten Diskussionen geführt, schreibt «finews.ch»: Hierzulande wünsche man sich eine möglichst zeitnahe, schrittweise Lockerung des Regimes, um den Schaden für die Unternehmen so klein wie möglich zu halten.

Zahl der Infizierten und Toten

Schweden hat gut 10 Millionen Einwohner und gemäss Zahlen der Johns Hopkins University 4'435 Corona-Infizierte und 180 Todesfälle. Zum Vergleich: die Schweiz hat über 16'000 Infizierte und 373 Todesfälle. Allerdings wurden in Schweden nur ungefähr 30'000 Personen getestet, während die Schweiz mit über 10'000 Tests pro eine Million Einwohnern zu den Spitzenreitern im Testen gehört. 

Noch geben die Zahlen der Infizierten den Schweden Recht. Sollte sich das aber ändern, dann könnte auch die Kritik im Land lauter werden. Wenn die Strategie aber aufgeht, dann könnte es auch für die Schweiz und andere Länder ein Ausweg sein, aus dem Shutdown zu kommen.

Miryam Koc, St.Gallen24/Linth24