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25.04.2022
06.05.2022 15:38 Uhr

Böögg-Verbrennen – eine eigenartige Tradition

Seit 1902 wird die Tradition aufrecht erhalten.
Seit 1902 wird die Tradition aufrecht erhalten. Bild: kath.ch
Heute Abend steht der Böögg, der den Winter symbolisiert, erneut auf dem grossen Scheiterhaufen in der Mitte des Sechseläutenplatzes. Die Brenndauer, bis der Kopf explodiert, soll vorhersagen, wie der kommende Sommer wird. Die Überprüfung mit meteorologischen Daten verständlicherweise keinen Zusammenhang.

Heute um 18 Uhr wird der Böögg, der als künstlicher Schneeman den Winter symbolisiert, auf dem Sechseläutenplatz verbrannt. Das Feuer wird pünktlich entzündet, auch wenn noch nicht alle Zünfte am Festplatz eingetroffen sein sollten. Je schneller der mit Knallkörpern gefüllte Böögg den Kopf verliert, desto schöner soll anschliessend der Sommer werden. Das letzte Mal, als der Böögg verbrannt wurde, also im Jahr 2019, dauerte es 17 Minuten und 44 Sekunden.

Seit vielen Jahren holen sich gegen 22 Uhr zahlreiche Personen mit Schaufeln etwas Glut aus dem Feuer und braten darüber ihr mitgebrachtes Grillgut.

Der Böögenkopf explodiert. Bild: swisslark.com

MeteoSchweiz sieht keinen Zusammenhang zwischen Brenndauer und den Sommertemperaturen

Wie MeteoSchweiz heute in einer Medienmitteilung schreibt, hat der Wetterdienst im vergangenen Jahr eine Untersuchung zum allfälligen Zusammenhang der Brenndauer des Bööggs mit den mittleren Sommertemperaturen durchgeführt. Das Ergebnis war für den Böögg wie erwartet ernüchternd – ein Zusammenhang lässt sich nicht erkennen. Zwar landete der Böögg Zufallstreffer, zum Beispiel beim heissesten je gemessenen Sommer 2003, als der Kopf des Bööggs schon nach 5 Minuten 40 Sekunden explodierte. Dagegen sah es beispielsweise im Jahr 1956 ganz anders aus, als der Böögg schon nach vier Minuten explodierte und worauf dann aber einer der kühlsten je gemessenen Sommer folgte.

Kinderumzug seit 1896

Vor 18 Uhr findet der Zug der Gesellschaft zur Constaffel und der 25 Zürcher Zünfte statt. Rund 3500 Zünfter, über 350 Reiter, rund 50 ausschliesslich von Pferden gezogene Wagen und gegen 30 Musikkorps ziehen im Kontermarsch durch die Bahnhofstrasse und das Limmatquai zum Sechseläutenplatz beim Bellevue. Angeführt wird der Zug der Zünfte jeweils von der Stadtpolizei Zürich, dem Zentralkomitee der Zünfte Zürich (ZZZ) sowie den Bannern der Gemeinden und des Gastkantons. Zünfter und Ehrengäste werden von den Zuschauern mit Blumen und Küsschen beschenkt.

Um ca. 21 Uhr findet der Auszug eines grossen Teils der Zünfter statt, um Stubenhocker anderer Zünfte zu besuchen und mit Reden herauszufordern. Danach ziehen gleichzeitig 26 Zünfte mit Musikkorps und mit farbigen Laternen kreuz und quer durch die Innenstadt.

Am Sonntag vor dem Sechseläuten findet seit 1896 der Kinderumzug statt. Daran nehmen alle Kinder zwischen fünf und fünfzehn Jahren teil, die eine Tracht oder eine Uniform tragen. In den 1950er-Jahren nahmen bis zu 2'000 Kinder teil, 1962 waren es über 3'500 und 2012 3'047.

Ein Gastkanton stellt sich jeweils seit dem Jahr 1991 auf dem Lindenhof vor. Grund dafür war das 700-Jahr-Jubiläum der Eidgenossenschaft. Während mehreren Tagen werden in Zelten regionale Spezialitäten angeboten. Aus dem Gastkanton sind häufig Politiker Ehrengäste beim Umzug der Zünfte. Dieses Jahr ist der Kanton Uri Gastkanton.

Historisches Bild aus dem 19. Jahrhundert. Bild: Website ZZZ Sechseläuten.

Vorläufer – Sechseläutenfeuer im Kratz

Mit dem Zürcher Sechseläuten verbinden sich brauchtümliche Elemente der Fastnacht und der Frühlingsfeste. Zum Zeichen des Frühlings ist in Zürich am ersten Montag, welcher auf die Tagundnachtgleiche folgte, abends um 06.00 Uhr das erste Mal die Feierabendglocke des Grossmünsters geläutet worden, was Anlass für das Frühlingsfest war.

Das Verbrennen eines Bööggs vor der Lindenhofmauer am Abhang gegen die Limmat fand schon im 18. Jahrhundert statt. Der Böögg war ursprünglich eine vermummte Schreckgestalt. Böggen sind Larven tragende oder sonst vermummte Personen, die Kinder erschrecken, Unfug treiben oder bettelnd durch die Strassen ziehen.

Im frühen 19. Jahrhundert verbrannten Buben im Kratzquartier südlich des Fraumünsters Strohpuppen zur Zeit der Tagundnachtgleiche. Aus dem Sechseläutenfeuer im Kratz entwickelte sich die heutige Verbrennung des Bööggs.

Seit 2014 Frauen in corpore als Gäste

Nachdem Frauen im offiziellen Sechseläuten-Umzug mit Ausnahme geladener Gäste seit 1952 nicht mehr mitmarschieren durften, organisierte die Frauenzunft Gesellschaft zu Fraumünster einen eigenen Umzug. Seit 2014 marschiert sie in corpore als Gäste der Gesellschaft zur Constaffel mit.

Dieses Jahr ist zum zweiten Mal der Kanton Uri Gastkanton. Bild: Website ZZZ Sechseläuten.

2020 und 2021 wurde der Anlass abgesagt. Stattdessen wurde am 19. April 2021 der Böögg auf der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht im Gastkanton Uri verbrannt.

Informationen und Tickets

Sitzplatzkarten für Sächsilüüte 2022 können Sie hier kaufen.

Dieses Jahr wird der Kanton Uri nach 2000 zum zweiten Mal Gast am Zürcher Sechseläuten sein.

Ein Fest mit drei Wurzeln

Das heutige Sechseläuten geht auf drei unterschiedliche Wurzeln zurück:

  • Zum Ersten auf die Zürcher Zünfte, die als politische, militärische, soziale und gewerbliche Institutionen über 450 Jahre die Geschicke der Stadt gelenkt und bestimmt haben. Sie bilden die Trägerschaft des Zürcher Frühlingsfestes. Die einstige Gewerbeordnung der Zünfte bestimmte die Arbeitszeiten der Handwerker.
  • Damit hängt die zweite Wurzel des Sechseläutens zusammen: Im Sommer wurde mit dem «Sechs-Uhr-Läuten» das Ende der Arbeitszeit angezeigt, während im Winter aufgrund der Lichtverhältnisse nur bis fünf Uhr gearbeitet werden konnte.
  • Schliesslich stellt ein heidnischer Brauch – das Verbrennen des Winters als Sinnbild für den Beginn der wärmeren Jahreszeiten – die dritte Wurzel dar.

Quelle: ZZZ-Sächsilüüte

Anouk Arbenz, Redaktion March24 & Höfe24 / Patricia Rutz, Goldküste24